Das geschwächte China im 19. Jahrhundert
Zum Ende der Qing-Dynastie war China politisch zerrüttet und
wirtschaftlich schwach. Zusätzlich zur Unterdrückung litt das Land unter einer
Reihe von Naturkatastrophen. Die Chinesen wurden aufgrund der prekären
wirtschaftlichen Verhältnisse oft als „kranke Männer Asiens“ angesehen.
Shanghai
war durch seine Lage am Meer zu einem zentralen Verteilerpunkt für ausländische
Konzessionen und Siedlungen geworden. Viele Ausländer betrachteten die Chinesen
als minderwertig, und Aussagen wie „Keine Hunde und Chinesen erlaubt“ waren weit
verbreitet. Zahlreiche ausländische Kampfkunstschulen, darunter Western Boxing
und japanische Kampfkünste, verschärften die Situation zusätzlich. Sie forderten
die verschiedenen Kung-Fu-Schulen heraus und besiegten sie in Kämpfen.
Traditionell gaben chinesische Kung-Fu-Meister ihre
Fähigkeiten nur an ausgewählte Schüler weiter. Wenn diese ihr Wissen nicht
weitergaben, gingen ganze Künste verloren. So verschlechterte sich der Standard
der Kampfkünste über Jahre hinweg stetig.
Huo Yuanjia
霍元甲 –
Die neue Hoffnung
Meister
Huo Yuanjia (ca. 1867–1910), wegen seiner Gelbsucht auch „der gelbgesichtige
Tiger“ genannt, war das vierte Kind in einer Familie mit zehn Geschwistern. Er
wurde im Dorf Xiaonanhe im Kreis Jinghai bei Tianjin geboren.
Sein Vater, Huo Endi, war ein bekannter Kampfkünstler und
arbeitete als Karawanen-Bodyguard im Norden Chinas. Die Haupteinnahmequelle der
Familie war jedoch die Landwirtschaft. Das Praktizieren der Kampfkunst hatte in
der Familie eine lange Tradition. Der Familienstil der „Verlorenen Faust“ (Huò
Jiā Mí Zōng Quán
霍家迷蹤拳) wird bis heute in einigen Schulen
gelehrt.
Im Jahr 1909 gründete eine Gruppe prorepublikanischer
Journalisten und Reformer die erste Chin-Woo-Schule. Das Kapital stammte
größtenteils von drei frühen Absolventen, die aus reichen Kaufmannsfamilien
kamen. Schon während der Planung wandten sich die Gründer an Huo Yuanjia, luden
ihn ein, Chef-Instructor zu werden und das lebendige Beispiel des „neuen
chinesischen Bürgers“ zu verkörpern – stolz, gebildet, physisch fit, moralisch
integer und fähig, physische Herausforderungen auf der Lei-Tai-Bühne, in
Sportarenen oder auf dem Schlachtfeld zu meistern.
Nur acht Monate nach der Gründung der Schule starb Huo im
August 1910 in Shanghai, vermutlich an einer Vergiftung. Ob diese durch eine
Medikamentenumstellung oder durch einen Giftanschlag eines japanischen Arztes
verursacht wurde, bleibt ungewiss. Ältere Schüler führten die Schule jedoch
fort.
Heute gilt Huo Yuanjia in China als nationaler Held. Viele
Geschichten und Mythen über ihn und die Chin-Woo Athletic Association dienten
als Inspiration für Filme wie „Fist of Fury“ (Bruce Lee), „Fist of Legend“ (Jet
Li) und „Fearless“ (Jet Li). Unabhängig von Übertreibungen bleibt Fakt: Huo
Yuanjia gab zahlreichen Landsleuten neue Hoffnung und Stolz.
Das Erbe von Huo Yuanjia
Huo Yuanjias Vermächtnis wurde von drei Söhnen und zwei
Töchtern weitergeführt, ergänzt durch sieben Enkel und elf Urenkel. Unverzagt
durch seinen Tod wurde die Chin-Woo-Schule am 10.03.1910 von Mr. Chen
Gong Zhe, Mr. Yao Chan Bo und Mr. Lu Wei Chang
wieder eröffnet.
Die drei Wiederbegründer von Chin Woo
Nach traditioneller Überlieferung spielten diese drei Männer
eine entscheidende Rolle bei der Weiterführung und Neuorganisation der Schule in
der frühen Phase nach Huo Yuanjias Tod:

-
Lu Wei Chang (盧煒昌):
Technisch versierter Lehrer, beteiligt an der Ausarbeitung früher
Jingwu-Formen.
-
Chen Gong Zhe (陳公哲):
Organisatorischer Kopf, der Unterrichtsinhalte, Trainingsstrukturen und
Abläufe systematisierte.
-
Yao Chan Bo (姚蟾波):
Engagierter Lehrer und Demonstrationskünstler, der maßgeblich zur
Verbreitung der frühen Jingwu-Techniken beitrug.
Meister Huo’s jüngerer Bruder, Mr. Huo Yuan Siang, und sein
Sohn, Mr. Huo Tong Ker, führten den Unterricht fort und luden zahlreiche
berühmte Meister aus Stilen wie Langhand-Boxen, Adlerklaue, Gottesanbeterin, Tai
Chi und weiteren ein, in der Jing-Wu-Schule zu lehren. Darunter waren Liu Zheng
Sheng, Zhao Han Jie, Zhao Lian He, Zhang Fu Quan, Lee Zheng Jiang, Ye Feng Khi,
Chen Wie Xian, Sun Zhan Xuan, Huo Yuan Qing, Lee Zhan Feng, Sun Yu Feng, Huo
Dong Ge, Zhao Lian Cheng, Zhao Guan Yong, Ye Shu Tian, Chen Zi Zheng, Luo Guang
Yu, Lee Yu Ting, Liu Zhi Xiang, Lee Jian Ming, Lee Lian Chun, Wu Jian Quan
u. v. m.
Chin Woo – Das Gesicht der Bewegung
Aufgrund seiner Popularität entschieden die Meister, dass Huo
Yuanjia das „Gesicht“ von Chin Woo werden sollte. Im Juni 1910 berichtete die
Eastern Times über die Gründung der Schule im Namen von Huo
Yuanjia – der ersten zivilen Kung-Fu-Organisation Chinas.
Die World Chin Woo Athletic Association (WCWAA)
ist heute der zweitgrößte Dachverband für chinesische Kampfkünste weltweit. Sie
ist die einzige nicht von der Regierung finanzierte internationale Organisation
mit Schwerpunkt auf traditionelle chinesische Kampfkünste und unterhält mehr als
85 Niederlassungen auf fünf Kontinenten. Chin Woo
精武
(Jing Wu, Jing Mo) bedeutet „Essenz der Kampfkunst“.
Die Entwicklung der Chin Woo-Schule
Die
erste Schule wurde Ende 1909 in Shanghai gegründet. Die Gründer nannten sie
bewusst nicht „Kung-Fu-Organisation“, um militärische oder rebellische
Konnotationen zu vermeiden. So gab es weder Bedenken seitens der Öffentlichkeit
noch seitens der Behörden, und die Erinnerungen an den Boxeraufstand von 1900
waren noch präsent.
Der „Gründungsmythos“ erzählt, dass Huo Yuanjia 1907 nach
Shanghai kam und seine Fähigkeiten darin bewies, ausländische Wrestler und Boxer
zu besiegen. Solche Kämpfe fanden auf den erhöhten Plattformen, den sogenannten
Lei Tai (擂台),
statt, die bis zu 2,50 m hoch waren und eine Fläche von ca. 10 × 10 m hatten.
Chinesische Reformer, die eine Schule zur Förderung der
nationalen Kampfkunst gründeten, wandten sich an Huo, den Mann der Stunde – so
wurde Chin Woo geboren. Historisch ist sicher: Huo war ein fähiger
Kampfkünstler, und öffentliche Herausforderungen von Ausländern waren in dieser
Zeit üblich.
Chin Woo-Schulen und Expansion
Im September 1911 veranstaltete die CWAA ihr erstes
Kampfkunst-Showfestival in China. Es wurde für alle Interessenten zugänglich und
legte den Grundstein für das stetige Wachstum der Filialen in ganz China.
1915
zog die Schule in größere Räumlichkeiten. Meister Chen Gong Zhe, ehemaliger
Übersetzer und engster Schüler von Huo Yuanjia, transformierte den Verband in
ein vollwertiges Zentrum für chinesische Kampfkünste. Neue Lehrprogramme wurden
entwickelt, der Verband reorganisiert und erneut unter dem Namen „Chin Woo
Athletic Association“ etabliert.
In den folgenden Jahren entstanden Filialen in ganz
Südostasien, darunter Hongkong, Macau, Vietnam, Thailand, Malaysia, die
Philippinen, Indonesien sowie später Taiwan, Singapur und Japan. 1937 besetzten
die Japaner Shanghai, und während der Kulturrevolution 1966 wurden die
Aktivitäten der Chin-Woo-Schule in Shanghai vorübergehend eingestellt.
Ausländische Filialen blieben aktiv und entwickelten sich zu eigenständigen
Organisationen. 1976 wurden die Einschränkungen aufgehoben, und die Aktivitäten
in Shanghai, Guangdong, Foshan und Tianjin nahmen wieder zu.
Der Slogan „Chin Woo as One Family“ prägt heute die
internationale Bewegung, die sich über Asien hinaus bis in die Schweiz,
Deutschland, Frankreich, Polen, England, Nord- und Südamerika, Australien und
Neuseeland ausgedehnt hat. Seit 1990 finden alle zwei Jahre internationale
Treffen in Form von Wettbewerben und kulturellem Austausch statt.
Die „Fünf südlichen Drachen“
Im Juli 1919 entsandte der Chin-Woo-Verband fünf
Repräsentanten – die sogenannten „Fünf südlichen Drachen“ – nach Vietnam,
Singapur und Malaysia, wo sie zahlreiche Schulen eröffneten. Später gründeten
sie ein weiteres Institut in China und luden Meister aus Südchina ein, um eine
Brücke zwischen den Kung-Fu-Stilen zu schlagen.
Die fünf Meister waren: Chen Gong Zhe, Mrs. Chen Shi Shao, Lu
Xiao Ao, Ye Shu Tian und Li Hui Seng. Bis 1923 hatten sie neun Länder besucht;
Ye Shu Tian galt als der wissensreichste unter ihnen.
    
Die nationale Entwicklung in Deutschland
In Deutschland legten Michael Streit, Mike Wedding und Dirk
Ritt die Grundlage für die German Chin Woo Athletic Federation. Michael Streit
gründete 1999 den Verein „Sport und Kung Fu Bochum-Weitmar‘99“ und nahm erste
Kontakte zur Chin-Woo-Schule in Singapur auf. Mike Wedding und Dirk Ritt
begannen unabhängig 2008 als Kung-Fu-Lehrer im Berliner Umland und traten 2011
in Kontakt mit der Chin-Woo-Schweiz.
2013
vereinten sich die drei Clubs in der German Chin Woo Athletic Federation. 2014
wurde der Verband Vollmitglied bei der Chin-Woo-Weltmeisterschaft in Shanghai.
2016 folgte die Teilnahme in Dallas (USA), 2018 in Yuyao (China). 2019 empfingen
Wedding und Ritt eine Delegation aus Shanghai in Berlin und organisierten die
„International Huo Yuan Jia Memorial Martial Arts Championship“ mit 330
Teilnehmern aus acht Nationen.
Heute hat die German Chin Woo Athletic Federation etwa 300
Mitglieder in drei offiziellen Filialen sowie weiteren Gruppen an Schulen in
Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Das Angebot umfasst
Chin-Woo-Formen, Chow Gar Tang Lang, Qi Xing Tang Lang, San Da, Kraftsport,
deutschen Schwertkampf, italienisches Rapier-Fechten, Federfußball und Wu Hao
Tai Chi.
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